Graffiti lernen für Anfänger 2: Erste Schritte und Sprühtechnik

Graffitiworkshop kinder üben

Heute lernst du sprühen. Im vorigen Artikel habe ich dir bereits die wichtigsten theoretischen Grundkenntnisse erklärt, in diesem Teil soll es nun aber um die Praxis gehen.

Übrigens: Die Sprayer oder Writer bezeichnen ein einzelnes Bild üblicherweise als Graffiti auch wenn es laut Wörterbuch und grammatikalisch korrekt eigentlich Graffito lauten müsste. Und zumindest in meinem Umfeld bezeichnen sich die Sprayer nie selbst als Sprayer sondern eher als Maler oder auch Writer. Den Begriff Sprayer benutzen meist nur Leute von außerhalb der Szene.

Wenn du noch nicht weißt, wo du deine Spühdosen besorgen sollst dann schau doch mal in diese Onlineshops rein: z.B. graffitilager, inflammable oder overkill.

Eine Wand finden

Zum Sprühen fehlt dir jetzt noch eine Fläche, auf der du dich austoben kannst. Entweder du kaufst dir eine Leinwand oder du nimmst eine grundierte Holzplatte. Für deine ersten Sprühversuche reicht ein beliebiges Brett, das du mit normaler Wandfarbe grundierst. Wenn du aber auf einer richtigen Wand sprühen möchtest, solltest du, um keine Straftat zu begehen, eine Wand finden, an der das Sprühen offiziell erlaubt ist. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Hier ist eine relativ umfangreiche Karte mit legalen Wänden.
www.legal-walls.net
Falls du dort und in Google nicht fündig wirst und du keinen Graffiti-Store in deiner Nähe hast, in dem du fragen kannst, dann ist eine Anlaufstelle, um nach legalen Graffiti-Wänden zu fragen die örtliche Polizei. Keine Angst, du fragst ja gerade weil du dich NICHT strafbar machen möchtest, man wird dich also nicht gleich in Handschellen abführen. Im Gegenteil, sie freuen sich, dass u es richtig machen willst.
Manchmal noch besser als die Polizei kennen sich auf diesem Gebiet die Erzieher in den Jugendzentren aus, also gehe einfach mal in das nächste Jugendzentrum und frage dort die Betreuer nach legalen Wänden. Viele Jugendzentren haben sogar eigene Wände, die für Graffiti freigegeben sind.
Wenn du über keine dieser Möglichkeiten eine Wand ausmachen kannst, dann bleibt dir nur die Option direkt zu den Eigentümern von Wänden zu gehen und sie um Erlaubnis zu fragen. Dies ist allerdings für einen Anfänger, der keinerlei Können vorzuweisen hat etwas unrealistisch. Falls du doch Glück hast, dann lass dir eine Erlaubnis aber immer schriftlich und unterschrieben geben, für den Fall, das doch mal die Polizei anrückt in dem Glauben du seist ein illegaler Schmierfink.

 

Geschüttelt, nicht gerührt.

Du hast eine Wand, deine Dosen und Caps und willst sprühen. Jetzt musst du als erstes gut schütteln. Nicht nur ein zwei Mal klacka klacka, Nein: Neue Dosen musst du wirklich gut schütteln. Je nachdem wie lange die Dosen gelagert wurden haben sich die einzelnen Komponenten des Farblösungsmittelgemisches mehr oder weniger voneinander getrennt. Wenn du nicht ausreichend schüttelst kann die Dose verstopfen und unbrauchbar werden, dies ist aber auch von Marke zu Marke unterschiedlich. Manchmal waren die Dosen so lange eingelagert, dass die Kugeln, die sich im Innern befinden um die Farbe beim schütteln zu mischen, am Boden festkleben. Solange du nicht ZWEI Kugeln Klackern hörst, hast du noch nicht genug geschüttelt. Nachdem du also mindestens 15 Sekunden mit dem Geräusch zweier Kugeln geschüttelt hast, ist es das Beste einmal mit einem Standard Cap oder Fat Cap die erste Farbe aus der Dose zu sprühen, da diese Caps weniger leicht verstopfen. Dafür richtest du die Dose einfach von dir weg ohne dabei irgendwo gegen zu sprühen.
Am Anfang kann es vorkommen, dass statt flüssiger Farbe erstmal eine dickere Paste aus der Dose kommt, welche das Cap oder sogar die Dose selbst verstopfen kann. Wenn diese Paste herauskommt und eine Art Schaum bildet, dann hast du nicht genug geschüttelt. Schüttel noch ein bisschen mehr und sprühe dann solange mit einem Standard-Cap in die Luft, bis kein Schaum mehr herauskommt, sondern ein sauberer Farbstrahl. Wenn du einen ersten Teststrich auf ein Stück Karton oder die Wand machst und die Farbe Bläschen bildet, als hätte man eine Brausetablette darin aufgelöst, dann hast du nicht genug geschüttelt.

Wenn dir doch mal eine Dose verstopft, dann ließ diesen Artikel!
Trick: Verstopfte Sprühdose? Das hilft!

 

Der erste Strich

Keine Angst, er beißt nicht. Sprüh einfach mal drauflos. Aber um schon beim ersten Strich eine positive Erfahrung zu haben solltest du deine Hand beim sprühen stets in Bewegung halten. Sobald du länger als einen Augenblick unbewegt auf die gleiche Stelle sprühst wird die Farbe an der Wand herunterlaufen, das nennt man drip, darum ist es am besten erst auf das Cap zu drücken, wenn deine Hand sich bewegt. Dies hängt allerdings auch von dem Abstand zwischen Wand und Cap ab. Für den Anfang solltest du einen Abstand von etwa 20 cm zwischen Wand und Cap einhalten, dabei kann wenig schiefgehen. Um exakte Linien zu sprühen halte das Cap möglichst dicht an die Wand, so dass die Dose etwa 30-45° zur Wand steht und der Rand der Sprühdose beinahe an der Wand entlang kratzt. Für feine Linien nimmst du natürlich ein Skinny Cap. Probiere einfach mal aus wie es ist ganz nah an der Wand zu sprühen und wenn du die Dose weiter weg hältst. Du kannst dich jetzt auch mal durch deine verschiedenen Caps durchprobieren, um die Unterschiede kennen zu lernen.

 

Flächen effektiv füllen

Um größere Flächen schnell zu füllen ist ein Standard oder Fat Cap das beste. Wegen des starken Sprühnebels bei diesen Caps ist es aber sinnvoll eine Fläche nicht ganz bis zum Rand mit dem Fat Cap auszumalen, weil sonst die benachbarte Fläche den Nebel der anderen Farbe abkriegt und erneut überarbeitet werden muss. Male also die Ränder einer jeden Fläche mit einem Skinny Cap aus. Ich ziehe immer eine doppelte Linie mit dem Skinny Cap und male dann die Mitte mit einem Standard oder Fat Cap aus. So bleiben die Ränder sauber und die Farbe verunreinigt nicht zu sehr die benachbarten Flächen. Man spart sich doppelte Arbeit.

 

Die Grundtechniken

An dieser Stelle geht es erst einmal nur um die klassische Technik des Sprühens, das Sprühen aus freier Hand, ohne Hilfsmittel wie Schablonen oder ähnlichem. Beim Malen(Sprühen) von freier Hand gibt es grundlegend zwei wichtige Techniken: cutten (vom englischen to cut, schneiden) und faden (vom englischen to fade, ausblenden, verblassen).

Beim Cutten übermalt man eine Linie mit einer zweiten, um so die erste zu verdünnen. Außerdem kann man so der runden Linie gerade ecken geben. Ein Strich aus der Sprühdose hat immer ein rundes Profil, um also saubere Ecken zu erzeugen muss man Teile des runden Profils mit einer anderen Farbe übermalen (abscheiden/cutten). Man braucht also immer eine Hintergrundfarbe um sauber malen zu können, da man diese nutzt um Fehler auszubessern.
EckenCuttenSprührichtung

 

Beim cutten kann die Richtung, in die man das Cap richtet, eine wichtige Rolle spielen, weil man durch die Richtung beeinflusst auf welcher Seite des Striches die harte und auf welcher Seite die weiche Kante ist.

 

Faden ist das Ausblenden einer Farbe, oder das Erzeugen eines weichen Farbverlaufes von einer Farbe zur nächsten. Diesen Effekt erzielt man, indem man die Dose weiter von der Wand weg hält, so dass kein gebündelter Farbstrahl mehr auf der Oberfläche ankommt. Je deckender die Farbe sein soll, desto näher hält man die Dose zur Wand.
fadenBeim ausfaden bewegt man die Dose von deckend zu nicht deckend, also von der Wand weg. Dabei richtet man das Cap von der deckenden Fläche in die Richtung, in der die Farbe verblassen soll.

Richtig interessant wird es, wenn man beide Techniken miteinander kombiniert. So kann man einen weichen Verlauf seitlich sauber abschneiden oder eine saubere Linie leicht ausblenden.

 

Ein Bild umsetzen

Wenn du nicht nur ein bisschen probekritzeln möchtest, dann hast du dir idealerweise eine Skizze mitgebracht, die du auf die Wand übertragen möchtest. An dieser Stelle setze ich voraus, dass du bereits einigermaßen zeichnen kannst. Wenn du klassisches Graffiti-Writing, also Buchstaben-Graffiti lernen möchtest, dann findest hier einen Artikel darüber.
Um ein Bild oder eine Skizze vom Papier auf die Wand zu übertragen ist es sinnvoll zuerst mit einer hellen Farbe, die leicht zu überdecken ist, die Proportionen vorzuzeichnen. Hierzu nimmst du am besten ein Skinny Cap. Wenn du an diesen ersten Strichen starke Korrekturen vornehmen willst, dann mach das am besten mit einer anderen Farbe, damit du später noch weißt, welcher der korrekte Strich ist und nicht durcheinanderkommst.

Das übliche Vorgehen bei einem Graffiti, genau wie bei fast jeder Malerei ist: Proportionen vorzeichnen, Flächen ausfüllen, Details bearbeiten.

Um ein besonders sauberes Bild hinzubekommen ist es allgemein von Vorteil, wenigstens bei dem Füllen größerer Flächen, sich von Oben nach Unten durchzuarbeiten, da so die Farbspritzer, die von oben herunterfallen nicht in einen schon ausgearbeiteten Bereich des Bildes darunter fallen, der dann erneut überarbeitet werden müsste.

Beim klassischen Style-Writing füllt man erst alle Flächen aus und zieht fast zum Schluss die Konturen, die sogenannten Outlines, des Bildes. Wenn man die Outlines zieht, bevor man alle Flächen gefüllt hat, kann es leicht passieren, dass man die Outline wieder übermalt und somit nacharbeiten muss.

Jetzt kennst du die grundlegenden Techniken in der Theorie, geh raus und übe, aber bitte LEGAL!
Wenn du noch die richtigen Materialien suchst, findest du sie zum Beispiel hier. Was du im Detail brauchst habe ich bereits im Artikel Grundlagen beschrieben.

Wir geben übrigens auch Graffiti-Workshops für Jugendliche und Erwachsene. Anfragen kannst du über die Kontaktadressen stellen.

Geeigntete Literatur zum Thema gibts hier:

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